Zugkräftig
Gesprächsführung: Hansjörg Gasser


Ob Hamburg, Berlin oder Düsseldorf: Jetzt im Sommer keuchen Fahrer mit dreirädrigen Vehikeln durch die Straßen. Herr Matuszewski, wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Prinzip Rikscha auf Europa zu übertragen?

Was wir anbieten, ist von der Größe und vom Konzept her mit dem asiatischen Rikschasystem nicht zu vergleichen. Mich haben eher die südamerikanischen Sammeltaxis inspiriert. Ich wollte das ursprünglich mit Autos machen. Aber unsere Velotaxis sind viel auffälligere und hochwertigere Werbeträger, als normale Autos es sein könnten. Und unser Unternehmen finanziert sich nun mal ausschließlich durch Werbeeinnahmen.

In Maos China verschwanden die Rikschas, weil sie als Ausbeutung des Menschen galten. Haben nicht auch bei uns viele Leute Hemmungen, ein solches Gefährt zu besteigen?

Die Rikscha ist in Europa nicht wirklich akzeptiert. Bei Touristen ist die Hemmschwelle allerdings viel geringer, sie machen im Urlaub grundsätzlich Dinge, die sie zu Hause nicht tun würden. Deshalb sind sie auch anfangs immer unsere Hauptzielgruppe. Unsere siebenjährige Erfahrung in Berlin zeigt aber, dass nach einer gewissen Gewöhnungsphase auch Einheimische unser Verkehrsmittel nutzen – etwa Geschäftsleute, die schnell mal am Stau vorbei zu einem Termin müssen. Oder Familien, die spaßeshalber mit ihren Kindern eine Rundfahrt machen. Im vergangenen Jahr hatten wir immerhin 45 Prozent Berliner Kunden.

Haben Sie Schwierigkeiten, Fahrer zu finden?

Immer wenn das Velotaxi neu in einer Stadt eingerichtet wird, wie vor kurzem in Hamburg, gibt es Anlaufschwierigkeiten. In Berlin sind allerdings 80 bis 100 Fahrzeuge mit 250 Fahrern unterwegs. Dort haben wir einen Einstellungsstopp verhängt. Es gibt sehr viele, die im Winter als Fahrradkuriere und im Sommer lieber als Velotaxifahrer arbeiten, weil es cooler ist und weil sie bei uns mehr Geld verdienen können.

Bei einem Grundpreis von 2,50 Euro und einem weiteren Euro pro Kilometer sowie häufig leer fahrenden Rikschas würde man das nicht vermuten.

Ich habe gerade in Berlin mit einigen Fahrern gesprochen. Sie sagen übereinstimmend, es sei eine sehr gute Saison. Die erwähnten Preise beziehen sich auf eine Person, ein Velotaxi hat aber Platz für zwei. An guten Tagen können die Fahrer im Schnitt 100 Euro verdienen. Ihnen bleibt ja bis auf eine kleine Pauschale, die sie dem lokalen Velotaxiunternehmer abgeben, der ganze Tagesverdienst.

Zahlt sich der kurze Betrieb während der Sommersaison überhaupt aus?

Ja, tut er. Wir produzieren die Velotaxis und verkaufen oder vermieten sie an eigenständige Unternehmer in mittlerweile neun Städten, zu denen auch London, Tokyo und Amsterdam gehören. Die lokalen Unternehmer haben meist bereits nach einem Jahr wegen der Werbung die Investitionskosten wieder eingespielt. Zusätzlich zum Stadtbetrieb sind wir auf größeren Veranstaltungen wie etwa der Landesgartenschau. Wir lösen da die Bimmelbahn ab, weil wir viel flexibler sein können.

Ist in Japan, wo die Rikscha Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, die Konkurrenz für Sie nicht besonders groß?

In Tokyo und Kyoto waren wir die Ersten und sind die Einzigen. Dort gab es vorher überhaupt keine Rikschafahrzeuge mehr.