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Thread: Die Rikscha-Männer von Kalkutta

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    Der ARD-Weltspiegel hat in seiner Sendung vom 08.01.2006 eine interessante Reportage über die Rikscha-Männer im indischen Kalkutta gebracht. Es ist schon eine starke Leistung, sein ganzes Leben für einen Hungerlohn durch die Straßen der Großstadt zu laufen.

    Hier gibt's das Video: http://www.ndrtv.de/weltspiegel/20060108/indien.html

  2. #2
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    Default Die Rikscha-Männer von Kalkutta

    Vielen Dank für den Hinweis. Und damit dieser Bericht nicht im Net-Nirwana untergeht, archivieren wir ihn auch hier ;-)


    Indien: Die Rikscha-Männer von Kalkutta



    Die Rikschas sollen weg. Die Regierung verbietet sie. Wieder einmal. Die "unmenschliche“ Arbeit passt nicht zur Image-Kampagne für ein modernes Kalkutta. Rikscha-Mann Sahadev Kahar ignoriert das amtliche Verbot seit Jahren. Der 56jährige zieht seinen Karren auch weiterhin durch Kalkutta. Für einen Hungerlohn. Mehr ist es nicht. Doch ohne diesen Job könnte er seine Frau und die sechs Kinder nicht ernähren. Kirsten Engelhard über das Leben als menschliches Zugpferd.
    Sahadev liebt diese Jahreszeit besonders. Es ist Winter in Kalkutta, das Thermometer steigt auf maximal 27 Grad und es ist meistens trocken.

    Sahadev ist 56 Jahre alt und ein menschliches Zugpferd. Er ist ein Rikscha-Puller, das kommt aus dem Englischen, pull heißt ziehen. Er selbst und seine Kollegen nennen sich Rikschawallahs – auch das heißt: Männer, die eine Rikscha ziehen.

    Sahadev Kahar befördert Menschen durch Kalkutta. Kunden vor allem, die in den engen, und in der Monsunzeit oft überspülten Straßen der Stadt kein Vertrauen zu PS getriebenen Gefährten haben. Seit 43 Jahren macht Sahadev das schon: "Ich kam als Junge nach Kalkutta und wäre hier fast verhungert“, erzählt er. "Dann hat mich jemand mitgenommen zu einem Rikscha-Besitzer. So hat das angefangen.“

    Dieses Relikt aus der britischen Kolonialzeit will so gar nicht in das Bild einer modernen Großstadt passen. Die Metropole am Ganges, mit ihren mehr als 14 Millionen Einwohnern, ist bisher vor allem bekannt für allgegenwärtige Armut. Dieses Image soll aufpoliert werden, auch um neue Investoren anzulocken. Die handgezogenen Rikschahs sollen aus dem Stadtbild verschwinden. Das hat die Regierung nicht zum ersten Mal angekündigt, aber dieses Mal ist es ihr ernst, heißt es.

    Bürgermeister Bikashranjan Bhattacharya dazu: "Das ist menschenverachtend, dieses Rikscha-Ziehen. Wir leben doch im Zeitalter der Menschenrechte und wir müssen diesen Leuten auf der Straße eine Alternative bieten. Dieser Prozess läuft, das Konzept ist fertig und ich denke innerhalb der nächsten drei bis vier Monate wird es keine Rikscha-Puller mehr in Kalkutta geben.“

    Was genau die Zieher künftig machen sollen, sagt der Bürgermeister nicht. Fahrradrikscha fahren vielleicht. Lizenzen werden trotzdem weiter unbegrenzt ausgestellt – die von Sahadevs Nachbarn Satya zum Beispiel ist erst kürzlich wieder erneuert worden. Knapp 6.000 Rikschas sind offiziell zugelassen. Tatsächlich sind in Kalkutta wohl dreimal so viel unterwegs.

    So wie Sahadev, der seine Kutsche lieber mit Gottes Segen, als mit Papieren der Regierung durch Kalkutta zieht. Er hat schon seit 15 Jahren keine Lizenz mehr. Es kümmert ihn einfach nicht – und bisher hat es auch sonst niemanden in dieser Stadt wirklich interessiert.

    "Für mich“, so meint Sahadev, "zählt nur das tägliche Überleben. Ich habe keine Zeit über Papiere oder die Zukunft nachzudenken. Klar hatte auch ich mal Hoffnungen und Wünsche, aber ich habe es eben nie zu etwas gebracht.“

    Keiner der Rikschawallahs hat es je zu etwas gebracht. Sahadevs Wohlstand verteilt sich auf ein Stück Rinnstein und auf knapp 2 Quadratmeter Bürgersteig. Hier ist er erwachsen geworden und hier hat seine Frau die sechs Kinder zur Welt gebracht.

    "Was sollen wir machen, wir überleben einfach irgendwie. Wir haben keinen anderen Job hier, also ziehen wir unsere Rikschas. Ich muss ja schließlich auch irgendwie meine Familie ernähren. Und wie sollte ich einen anderen Job bekommen? Ich kann doch gar nichts. Nicht lesen, nicht schreiben, und Geld habe ich auch keins. Das einzige, was ich habe, ist meine Rikscha und das hält mich am Leben“, so Sahadev.

    "Seine“ Rikscha ist eigentlich Eigentum irgendeines Rikscha-Besitzers. Von denen gibt es rund zweihundert in Kalkutta. Vielleicht gehört Sahadevs Gefährt sogar einem Polizisten. Sahadev zahlt seine Miete einem Mittelsmann. Der bekommt etwa ein Viertel des Verdienstes. Nicht selten muss der Rikschawallah irgendeinem Ordnungshüter noch mal soviel zahlen, um seine Ruhe zu haben.

    Rund 100 Rupien macht er mit seinem Karren am Tag, davon bleiben ihm 75 – wenn es gut läuft. Das sind umgerechnet nicht einmal 1,50 Euro.

    "Dieses 'ein Mann zieht einen anderen', das gehört einfach zu dieser Stadt“, erklärt ein Kunde. "Und wenn jetzt die Regierung aus welchen Gründen auch immer meint, sie muss das verbieten, dann sollen sie erst mal eine Alternative schaffen“, beschwert sich seine Tochter. Und der Vater ergänzt. "Sollen wir einfachen Leute etwa, anstatt uns von den Pullern ziehen zu lassen auf den Schultern der Regierung transportiert werden? Wie stellen die sich das vor? Wir brauchen doch dieses günstige Transportmittel.“

    Manchmal kommt jemand zu den Rikscha-Pullern und hört sich ihre Probleme an: keine Regierungsvertreter, sondern Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. So wie Rajesh Jaiswal von "people initiative for liberation“: "Natürlich ist Rikscha-Pulling unmenschlich. Aber es ist noch unmenschlicher, die Rikschas zu verbieten. Denn dann werden nach unserer Schätzung mehr als 100.000 Menschen auf den Straßen von Kalkutta einfach krepieren.“

    Bei Sahadev und seiner Familie reicht es jeden Tag meistens nur für ein bisschen Reis. Ob das ein menschenwürdiges Leben ist, darüber haben sie sich in der Gosse von Kalkutta noch nie Gedanken gemacht.

    Die Rikschawallahs sagen: Wenn sie uns künftig Fahrradrikschas geben, dann ist es gut, wenn sie uns unsere handgezogenen Rikschas lassen – dann ist auch das gut. Und als sie sich von der Kamera unbeobachtet fühlen, fügen sie hinzu: Wenn wir am Ende gar nichts mehr haben, dann gehen wir eben stehlen, um zu überleben.
    Saludos

    Gerald
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